Reichspogromnacht: Tat eines Verzweifelten

Es war die Tat eines verzweifelten 17-Jährigen: Weil seine jüdische Familie nach Polen abgeschoben wurde, verübte Herschel Grynszpan aus Hannover 1938 ein folgenreiches Attentat. Die Nazis nahmen es zum Vorwand für eine Welle der Gewalt gegen Juden.

Hannover/Paris (epd). Der 7. November 1938 ist ein Montag. Gleich morgens um 8.30 Uhr betritt in Paris der 17-jährige Herschel Grynszpan aus Hannover das Waffengeschäft „A la fine lame“ („Zur scharfen Klinge“) und ersteht für 235 Francs einen Trommelrevolver und Patronen. Dann macht sich der junge Jude mit polnisch-deutschen Wurzeln zielstrebig auf den Weg zur deutschen Botschaft in der Rue de Lille 78. In seiner Brieftasche trägt er eine Postkarte bei sich, die er vier Tage zuvor in Paris erhalten hat. Seine Schwester berichtet darin von der Deportation seiner Familie von Hannover nach Polen.

In der Botschaft wird Grynszpan zum Legationsrat Ernst vom Rath vorgelassen. Er zaudert nicht lange und streckt den Diplomaten mit fünf Schüssen nieder. „Sie sind ein schmutziger Deutscher, und nun übergebe ich Ihnen im Namen von 12.000 schikanierten Juden die Quittung“, soll er gerufen haben. Vom Rath bricht schwer verletzt zusammen. „Es war eine spontane Racheaktion“, urteilt der Berliner Historiker und Antisemitismus-Forscher Professor Manfred Gailus. Grynszpan lässt sich widerstandslos festnehmen.

Das Attentat in Paris vor 85 Jahren wird in den folgenden Tagen von der NS-Propaganda als Vorwand für ein bis dahin beispielloses Verbrechen der deutschen Nationalsozialisten missbraucht - die Reichspogromnacht, früher auch „Reichskristallnacht“ genannt. SA- und SS-Trupps zünden in ganz Deutschland rund 1.400 Synagogen an, verwüsten mehr als 7.500 Häuser und Geschäfte und ermorden jüdische Frauen und Männer. Am Ende gibt es mehr als 1.300 Tote.

„Sie haben die Sache zum Anlass genommen, um das gesamte Judentum anzugreifen“, sagt Gailus. Kaum ist das Attentat bekannt, wird in Kassel bereits am 7. November ein jüdisches Café zerstört. Bis zum 13. November dauern die Pogrome. Am schlimmsten wütet der Mob in der Nacht vom 9. auf den 10. November.

Die Tat von Herschel Grynszpan ist auch das tragische Resultat einer jahrzehntelangen Migrationsgeschichte. Denn die Familie Grynszpan (deutsch: Grünspan) war 1911 aus dem zaristischen Russland vor Armut und Pogromen in Richtung Westen geflüchtet. Herschels Vater Sendel lässt sich mit seiner Frau Riwka in Hannover nieder. In der Altstadt bewohnt die Familie mit polnischer Staatsbürgerschaft eine enge 40-Quadratmeter-Wohnung im zweiten Stock.

„Es waren bescheidene Verhältnisse“, sagt der Historiker Peter Schulze. Der Vater verdient sein Geld als Schneider. Von sechs Kindern sterben drei. Der 1921 geborene Herschel besucht die Volksschule. Doch mit dem Machtantritt der Nazis 1933 ändert sich für ihn alles: „Innerhalb von Wochen saßen die jüdischen Kinder abseits und wurden auch nicht mehr zu Kindergeburtstagen eingeladen.“ Als er 14 ist, verlässt Herschel seine Heimat und zieht zuerst nach Brüssel zu seinem Onkel Wolf und dann zu seinem Onkel Abraham in Paris.

Währenddessen verschärft sich die politische Situation für die Juden in Deutschland. Weil Polen vielen Bürgern, die im Ausland leben, die Staatsbürgerschaft entziehen will, lässt der NS-Staat rund 17.000 polnischstämmige Juden auf brutale Weise an die östliche Grenze abschieben. Auch Herschel Grynszpans Eltern und Geschwister werden in Hannover in einen schwer bewachten Zug gesetzt und im Niemandsland an der polnischen Grenze zwischen Feldern und Wäldern auf offener Strecke hinausgejagt.

Ohne Geld müssen sie sich nun durchschlagen. Sie habe nur die nötigsten Kleider in einem Koffer mitnehmen können, schreibt Berta Grynszpan auf der Postkarte nach Paris, die ihren Bruder Herschel am 3. November in Paris erreicht und zum Attentat treibt. „Das ist alles, was ich gerettet habe.“

Als Ernst vom Rath am 9. November um 16.30 Uhr in Paris seinen Verletzungen erliegt, ist die Führung des NS-Staates in München versammelt. Minister Joseph Goebbels erkennt sofort, dass sich das Attentat propagandistisch ausschlachten lässt. Nach Absprache mit Hitler hält er eine Brandrede, macht eine angebliche „jüdische Weltverschwörung“ für den Anschlag verantwortlich und ruft zu Pogromen auf. Parteifunktionäre der NSDAP tragen den Befehl per Telefon noch am selben Abend in alle Winkel des Landes.

Herschel Grynszpan wird 1940 von Frankreich an Deutschland ausgeliefert und kommt ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin. Goebbels plant einen großen Schauprozess gegen ihn, doch dazu kommt es nie. 1942 verliert sich seine Spur, nach dem Krieg wird er für tot erklärt. Doch seine Familie überlebt in der Sowjetunion und geht schließlich nach Israel.

Gailus warnt davor, allzu schnell Parallelen von der Reichspogromnacht zur gegenwärtigen Situation zu ziehen. Aber mit Blick auf die Bedrohung von Juden ist dem Antisemitismusforscher eines wichtig: „Man darf dazu nicht schweigen. Das gilt für damals und für heute.“

Hintergrund: Reichspogromnacht

Mit den Novemberpogromen vor 85 Jahren gingen die Nationalsozialisten zur offenen Gewalt gegen die jüdische Minderheit vor. Höhepunkt war die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Es brannten unzählige Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden verwüstet und jüdische Bürger misshandelt und getötet. Drei Jahre vor Beginn der systematischen Massendeportationen und nach zahlreichen rechtlichen Diskriminierungen erhielt die Verfolgung der Juden mit den Ausschreitungen einen neuen Charakter.

Als Vorwand für die Übergriffe diente den Nationalsozialisten das Attentat des aus Hannover stammenden 17-jährigen Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November 1938 in Paris. Propagandaminister Joseph Goebbels nutzte die Gelegenheit, um bei einem Treffen von Parteiführern in München das Signal für die Gewaltaktionen in ganz Deutschland und Österreich zu geben.

In der Öffentlichkeit versuchte die NS-Führung, die Welle der Gewalt als „spontanen Ausbruch des Volkszorns“ erscheinen zu lassen. Die Ausschreitungen begannen bereits am 7. November in Nordhessen und dauerten bis zum 13. November.

An den Gewalttaten beteiligten sich vor allem SA- und SS-Männer und Parteimitglieder, vielerorts aber auch Deutsche, die nicht den NS-Organisationen angehörten. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass während und infolge der Gewalt mehr als 1.300 Menschen getötet und mindestens 1.400 Synagogen stark beschädigt oder zerstört wurden.

Das öffentliche Leben der Juden in Deutschland kam nach den Pogromen völlig zum Erliegen. Nach den gewaltsamen Übergriffen begann auch die flächendeckende staatliche Enteignung jüdischen Besitzes. Drei Jahre später, im Jahr 1941, setzten die Deportationen deutscher Juden in die Todeslager ein.